Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 20. April 2026

Arbeiterschriftsteller und Staatsfeind: Jürgen Köditz (1939–2026)

Der Jenaer Autor Jürgen Köditz ist am 28. März 2026 im Alter von 86 Jahren in seiner brasilianischen Wahlheimat verstorben. Nach einer Schlosserlehre wurde er Mitglied im "Zirkel schreibender Arbeiter" des Kombinats Carl Zeiss Jena und studierte am Literaturinstitut in Leipzig. Seine frühen Gedichte zur Arbeitswelt finden sich im Band "Meine Blaujackenzeit" (1976). Später wurde Köditz in der Operativen Personenkontrolle "Träumer" vom Ministerium für Staatssicherheit bearbeitet, das weitere Veröffentlichungen verhinderte. Erst 1989 erschien die Aphorismen-Sammlung "Spitzensalat" mit Zeilen wie diesen: "Der Generaldirektor war ein Arbeitspferd; er ackerte tagtäglich von früh bis spät sämtliche Papierfelder um. Trotzdem wächst die Produktion." Der Lyriker und Aphoristiker veröffentlichte auch in der "Gerbergasse 18". Den biografisch geprägten Bericht "Erinnungen an ein Leben im Bilderbuch-Sozialismus" aus Heft 59 (Ausgabe 4/2010) stellen wir im Andenken an Jürgen Köditz HIER zur Lektüre zur Verfügung.

 

"Spitzensalat" (Eulenspiegel Verlag 1989) und "Meine Blaujackenzeit" (Verlag Tribüne, 1976) von Jürgen Köditz.

 

Aus dem Zyklus „Mensch-ärgere-dich-Gesellschaft“ (2016) von Jürgen Köditz:

 

Das Leben ist ein Fussballspiel

Im Leben ziehen die Mitmenschen hart vom Leder.
Entweder du bist Fussball oder Balltreter.
Als Ball kannst du dich nicht verstecken,
denn du musst tausende Tritte einstecken.
Glücklich ist der Ball, den keiner hält,
wenn er im Jubelschrei ins Tor fällt.

 

Ein Arschloch-Mühlenleben
Die am goldenen Lenkrad sitzen,
buckeln nicht mehr nach oben,
brauchen auch nicht ums täglich` Brot toben,
weder nach unten treten
und nicht zu schwitzen.
Jedoch im Arschloch-Mühlenleben,
heißt es, sich Vowärtsbewegen,
die andern aufs Kreuze legen.
Bist du nicht rücksichtslos,
wird dein Konto niemals groß.

 

Das Leben
Das Leben:Ist eine Zitrone. Dauernd wird man ausgepresst und weggeworfen.
Das Leben: Ist eine Hühnerleiter, beschissen von oben bis unten.
Das Leben: Ist ein kleiner Furz. Leider kann der nicht gegen die viele Misthaufen
anstinken.
Das Leben: Ist ein Lotteriespiel. Dabei ziehen wenige das Glückslos, die meisten bleiben
trostlos, arbeitslos, lustlos, rücksichtslos, rechtslos.
Das Leben: Ist eine Weihnachtsgans, dauernd wird man ausgenommen und in die Pfanne
gehauen.
Das Leben: Wird zum Abfall, da werden wir oft fallengelassen, wie eine heiße Kartoffel.
Das Leben: Ist ein Fussabtreter, da trampeln alle auf einem herum.
Das Leben: Ist eine Klapsmühle. Laufend wird man verrückt gemacht, denn überall
erkrankt der gesunde Menschenverstand.
Das Leben: Ist ein aufrechter Gang. Dieser wird oft vom politischen Getriebe außer Gang
gesetzt.
Das Leben: Ist ein Kreuz. Wer nicht zu Kreuze kriecht, muss sein Kreuz aufrecht tragen.
Das Leben: Ist ein Dschungel, in dem man sich laufend verirrt. Besonders im Blätterwald
der Bürokratie verliert man den Durchblick.
Das Leben: Stellt den Mensch in den Mittelpunkt, um ihn von allen Seiten in den Arsch zu
treten.


Ärgerliche Gesellschaftsspiele

Mensch ärgere dich, aber lieber nicht, denn im Staatscomputer bist du ein dummes Luder.
Die Bürokratie treibt mit dir ihr Gesellschaftsspiel!
Manch einer hat es satt, man spielte ihn schachmatt.
Klassenlotterie: Gehörst du nicht zur herrschenden Klasse, bittet man dich zur Kasse. Das
am meisten gezogene Los, lautet arbeitslos.
Schattenspiel: Über den eigenen Schatten springen, will nicht gelingen. Man springt immer
ins Fettnäppchen.
Seilziehen: Da siegt man nur mit einer starken Seilschaft. Alleine wird man im hohen
Bogen ins Abseits gezogen.
Bumerangspiel: Das betrifft die Kritik. Übt man harte Kritik, kommt diese knallhart auf
einen zurück.
Abgekartetes Spiel: Einen Schwarzen Peter zog schon jeder. Manch einer bekommt davon
zu viel.
Rechenspiel: Damit hast du nicht gerechnet. Sie berechneten Dir doppelt und dreifach zu
viel.
Räuber und Gendarm: Hieß unser Kinderspiel. Besonders in höheren Kreisen weiß man
heuzutage nicht, wer Räuber oder Gendarm ist.
Glücksspiele:Vielen bringen dieses kein Glück. Zumeist fallen sie zum Pech zurück.
Skatspieler: Sie spielen und spielen, wobei sie laufend ihre Kehlen spülen. Andere wühlen
und wühlen und müssen sich quälen mit trockenen Kehlen.

Meldung vom 11. März 2026

Neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ mit dem Titelthema BÜCHER erschienen

In George Orwells „1984“ heißt es an einer Stelle: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Von dem erstmals 1949 erschienenen Roman liegen inzwischen über zehn Neuübersetzungen ins Deutsche vor, nachdem das Buch – 70 Jahre nach dem Tod des Autors – gemeinfrei wurde. Orwell schafft es bis heute, uns mit beklemmend aktuellen Themen zu konfrontieren: die Reichweite von Überwachungstechnologien, die manipulative Umschreibung von Geschichte, die Instrumentalisierung der Sprache, die Entstehung autoritärer Herrschaft. Aus einem der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts ist ein Kommentar zur Gegenwart geworden – und ein Longseller der politischen Literatur.
Den 19-jährigen Baldur Haase führte Orwells Warnung vor dem Überwachungsstaat ins Gefängnis, verurteilt 1959 vom Bezirksgericht Gera wegen „staatsgefährdender Hetze und Propaganda“. In mehreren Publikationen hat der Jenaer Publizist dargelegt, wie „1984“ zu seinem „Lebensbuch“ wurde, aber er hat auch recherchiert, wie andere Leser Orwells in der DDR verfolgt und bestraft wurden. Zu seiner intensiven Beschäftigung mit George Orwell und „1984“ hat der Autor für dieses Heft ein neues Kapitel hinzugefügt. Der heute 86-Jährige schaut auf seine Haftzeit in der Strafvollzugsanstalt Waldheim zurück, wo er als gelernter Drucker in der dortigen Gefängnisdruckerei an der Herstellung von Auftragswerken beteiligt war. Ein wiedergefundenes Druckerzeugnis der SED-Propaganda analysiert er nach Orwells Konzept der „Neusprache“ und findet in „1984“ den passenden Kommentar: „Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Wahrheit anders zu sehen als mit den Augen der Partei.“
Als im Oktober 1989 ein Druckgenehmigungsvorgang – der Tarnbegriff für die Zensur im „Leseland DDR“ – mit der Objekt-Nummer 410/112/90 vorsah, dass „1984“ als Lizenzausgabe 1990 in der Reihe „ex libris“ des Verlages Volk & Welt erscheinen sollte, hatten die Demonstrationen mit Rufen nach Presse- und Publikationsfreiheit bereits begonnen. Am Ende ist Orwells „1984“ eben nur fast in einer DDR-Ausgabe erschienen.
Ein anderer Klassiker der Sprach- und Machtkritik, der erstaunlicherweise in der DDR erhältlich war, ist Victor Klemperers „LTI“ mit dem Untertitel „Notizbuch eines Philologen“. Der Professor aus Dresden seziert darin die „Lingua Tertii Imperii”, die Sprache des Dritten Reiches. Was der Leipziger Reclam Verlag werbend als „eines der lebendigsten Lehrbücher zur Ideologie des Faschismus“ bezeichnete, wurde durch die sprachlichen Ähnlichkeiten von Diktaturen zur nachgefragten Lektüre – bis 1990 erlebte das Taschenbuch zehn Auflagen. Nach Kriegsende 1945 führte Klemperer seine sprachwissenschaftlichen Beobachtungen fort und notierte nun unter dem Kürzel „LQI“ (Lingua Quarti Imperii), wie sich Propagandafloskeln und Personenkult fortsetzten. Am 25. Juni 1945 schrieb er in sein Tagebuch: „Ich muss allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener Sächsische vom Leipziger.“
Schon 1991 forderte der Schriftsteller Jürgen Fuchs in seinem Langessay „Landschaften der Lüge“, Klemperers Arbeitsweise auf die zweite deutsche Diktatur anzuwenden. In seinen Texten erforschte der 1976 verhaftete und 1977 nach West-Berlin ausgebürgerte Autor in der Nachfolge Orwells die Sprache der Kasernenhöfe, der Staatssicherheit, der totalitären Systeme. Fuchs’ Bücher sind momentan nur noch antiquarisch erhältlich.

Eine Inhaltsübersicht der Ausgabe und Leseproben FINDEN SIE HIER.

Die aktuelle Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 117) ist im Buchhandel oder DIREKT über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.

 
 
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