Meldungen des Jahres 2026

Meldung vom 30. Januar 2026

Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland von 1945 bis heute

Am 27. Januar 2026 eröffnete die Sonderausstellung „Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland“ in der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Inhaltlich ein sehr passender Ort, da unter den in der Frühzeit der DDR hier aus politischen Gründen Inhaftierten auch zahlreiche Unternehmer waren, denen angebliche Wirtschafts- oder Devisenverbrechen vorgeworfen worden.
Nicht Teil der Ausstellungsplanung, jedoch ein großes Gesprächsthema unter der Gästen der Vernissage war die katastrophale Nachricht, die die Landeshauptstadt erst vor wenigen Tagen überraschte: Der Online-Handelskonzern Zalando wird seinen Logistikstandort in Erfurt, einst mit staatlichen Subventionen gefördert, bereits im Herbst 2026 komplett schließen. Rund 2700 Menschen werden ihre Arbeit verlieren. Hätte ein in der Region verwurzeltes und familiengeführtes Unternehmen auch so gehandelt?
Die im Untergeschoss der Gedenkstätte aufgebaute Wanderausstellung wurde vom Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch kuratiert, der in einem Einführungsvortrag die Schwerpunkte des Themas skizzierte und anschließend eine kurze Führung gab. Im von ihm verfassten Buch „Familienunternehmen in Ostdeutschland. Niedergang und Neuanfang von 1945 bis heute“, erscheinen 2023 im Mitteldeutschen Verlag Halle, lassen sich die einzelnen Ausstellungskapitel vertiefen. Sibylle Gausing als Vertreterin der Stiftung Familienunternehmen mit Sitz in München betonte in ihrer Ansprache die Relevanz der historischen Prozesse für die gegenwärtige Unternehmenslandschaft. Wie sähe beispielsweise das bis 1945 weitgehend agrarisch geprägtes Bayern heute aus, wenn es nicht kriegs- und teilungsbedingt von der „Zuwanderung“ von Firmen, Know-how und Köpfen aus dem mitteldeutschen Raum profitiert hätte?
Umgekehrt war Thüringen als industrielles Kernland nach dem Zweiten Weltkrieg besonders stark von den Entscheidungen und Einschnitten der sowjetischen Besatzungsmacht betroffen. Während viele Firmeneigentümer unmittelbar in den Monaten nach Kriegsende aus Furcht vor Enteignung und Demontage flohen und einen Neustart in den westlichen Zonen wagten, waren die verbliebenen Familienunternehmen mit erheblichen Repressionen konfrontiert. Jene massenhaften Firmenabwanderungen zeigen rückblickend deutlich, welcher wirtschaftliche, menschliche und intellektuelle Verlust schon bis zur Gründung der DDR 1949 eingetreten war. Wer also heutzutage nach den Gründen für die weiterhin bestehende wirtschaftliche Schieflage zwischen Ost- und Westdeutschland fragt, sollte vor allem analytisch in diese Phase der Nachkriegsgeschichte blicken. Über 40 Jahre Plan- und Misswirtschaft haben den Osten Deutschlands nachhaltiger geschädigt als die nicht immer weitsichtigen und durchdachten Entscheidungen aus knapp vier Jahren Tätigkeit der Treuhandanstalt. Und auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die unternehmer- und eigentumsfeindliche Wirtschaftspolitik der herrschenden SED spürbar. Negativer Höhepunkt war die Verstaatlichungswelle 1972, die nahezu alle verbliebenen privaten Betriebe erstickte.
Die Reindustrialisierung verlief nach 1990 weitaus schleppender und beschwerlicher als zunächst erwartet, unter anderem weil parlamentarische Beschlüsse erst verzögert wirksam wurden. Dennoch sind heute fast 90 Prozent der Betriebe in Ostdeutschland Familienunternehmen. Und so stimmt die reich illustrierte Ausstellung erfreulicherweise auch nicht in das allgemeine Klagelied über den Zustand der ostdeutschen Wirtschaft, vergleichsweise geringere Löhne und fehlende DAX-Konzernzentralen ein, sondern stellt mittelständische Erfolgsbeispiele in den Vordergrund, darunter sogar „Hidden Champions“ der gesamtdeutschen Wirtschaft, die Wohlstand, Stabilität und Arbeitsplätze in Deutschland sichern.
Jüngste Veränderungen, wie die Übernahme des Backmittelherstellers Kathi aus Halle – für viele das ostdeutsche Vorzeigefamilienunternehmen – durch den westdeutschen Oetker-Konzern aus Bielefeld im Sommer 2025, konnten freilich noch nicht in die Darstellung integriert werden. Wie maßgeblich inhaber- und familiengeführte Unternehmen für die regionale Identität, das gesellschaftliche Klima und die demokratischen Strukturen in Ostdeutschland sind und bleiben, das vermittelt die Ausstellung überaus anschaulich und verständlich. Bis Mitte März 2026 ist „Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland“ noch in Erfurt zu sehen.

 

Richard Seeber
Schülerpraktikant in der Geschichtswerkstatt Jena

 

Eindrucke der Ausstellungseröffnung „Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland“ am 27. Januar 2026 in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Fotos (3): Geschichtswerkstatt Jena

 
 
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